Nicht reden, Fußball spielen


Bremervörde. „Ich war schon in mehreren Vereinen Mitglied, aber hier bin ich aufgenommen worden wie in einer großen Familie.“ Marcus Büssenschütt arbeitet als Tischler im Vördewerk in Bremervörde. Der Verein, von dem er spricht, ist der Bremervörder SC. Gemeinsam mit Kollege und Freund Michael Weiß (35) kickt der 37-Jährige seit dieser Saison in der dritten Herrenmannschaft des BSC. Über Integration redet niemand im Team, alle spielen einfach nur Fußball. Von Stefan Algermissen

Sonntag, 12.59 Uhr: „Ich glaube, ich bin so nervös, wie noch nie in meinem ganzen Leben“, sagt Marcus Büssenschütt und tritt unruhig von einem Bein aufs andere. Er trägt zum ersten Mal das grün-rote Trikot seines neuen Clubs. Noch 60 Sekunden, dann wird der Schiedsrichter die Partie des Bremervörder SC III beim SC Bade II anpfeifen. Die 4. Kreisklasse Nord ist die niedrigste Spielklasse der Republik, doch für den 37-Jährigen könnte auch ein WM-Endspiel nicht aufregender sein.

 

Seit gut zwei Monaten sind er und sein Kumpel Michael Weiß Mitglied im BSC. Eines Abends im Juli stand das Duo, das seit fast 25 Jahren befreundet ist, plötzlich auf dem Trainingsplatz. Die beiden fragten, ob sie mitspielen könnten. Es wurde nicht lange geredet. Schuhe und Trikot angezogen. Los ging es. Seitdem sind die Freunde an jedem Mittwochabend beim Training der Seniorenfußballer des BSC dabei. Gefehlt haben sie noch kein einziges Mal.

 

Sonntag, 13 Uhr: Der Schiedsrichter pfeift die Partie an. Marcus Büssenschütt spielt im Sturm, Michael Weiß steht zwischen den Pfosten. Zum Spiel gegen den Tabellenführer ist der BSC mit nur elf Spielern angereist, doch Rücksicht vom Gegner darf deshalb nicht erwartet werden. Es muss eben gerannt und gerackert werden. Das klappt. Nach 45 Minuten steht es 0:0. Torwart Michael Weiß hat mit mehreren Paraden dafür gesorgt, dass hinten die berühmte Null steht. Vorn hat Marcus das erste Punktspieltor seines Lebens nur knapp verpasst. Seinen Kopfball fischt der gegnerische Keeper von der Linie.

 

Das Leben in ihrem neuen Verein genießen Büssenschütt und Weiß in vollen Zügen. Sie kicken nicht nur, sie packen mit an. Wenn samstags am neuen, noch im Bau befindlichen Kabinentrakt des Clubs gearbeitet wird, sind beide regelmäßig mit dabei. Wenn sie sich von ihren Mitspielern unterscheiden, dann dadurch. „Das macht uns Spaß. Wir sind hier von Anfang echt spitzenmäßig aufgenommen worden“, freuen sich die beiden Tischler, die im Vörderwerk beschäftigt sind.

Die kleinen Hindernisse, die es dennoch im Miteinander gibt, werden ganz pragmatisch aus dem Weg geräumt: „Wir haben kein Internet und keine E-Mail-Adresse. Deshalb schickt uns ein Mitspieler die Uhrzeiten für die Treffen vor den Spielen einfach aufs Handy“, erzählt Büssenschütt, der im November mit seiner Freundin eine Wohnung in Bremervörde bezieht. Dass er trotzdem gern eine halbe Stunde vorher da ist, spielt für ihn keine Rolle: „Ich bin eben gern pünktlich.“ Das Ding mit der Aufregung vor dem Spiel.

 

Sonntag, 13.55 Uhr: Anstoß zur zweiten Halbzeit in Bade. Die Partie, in der wahrlich kein Fußball zum Verlieben geboten wird, geht in die zweite Hälfte. 20 Minuten vor dem Ende geht der BSC 1:0 in Führung. Ein paar Minuten vorher war Büssenschütt zum zweiten Mal mit einem Kopfball am Torwart gescheitert. Dass sein Team fünf Minuten vor dem Abpfiff noch den 1:1-Ausgleich kassiert, ist kein Beinbruch. Der Punkt beim Spitzenreiter muss gefeiert werden. Erst mit einer Zigarette am Spielfeldrand – ist schließlich Freizeitsport das Ganze, später im BSC-Schützenhof mit einer Bratwurst.

 

Der Kontakt zum BSC ist zufällig entstanden: „Ein Spieler des Vereins hat in meiner Wohnung im Bad etwas repariert. Wir haben über Fußball gesprochen. Da hat er vorgeschlagen, dass ich in der neu gegründeten dritten Herren spielen könnte“, berichtet Büssenschütt. Sein Kumpel Michael erinnert sich noch ans erste Training: „Marcus hat mich einfach mitgeschleppt, weil er gehört hatte, dass der Verein noch einen Torwart für das Team sucht.“

 

„Alle hier sind super nett zu uns, und gerade am Anfang hatte fast jeder einen guten Tipp für uns parat“, freuen sich die beiden Lebenshilfe-Beschäftigten. Die einzigen „Vördewerk-Mitglieder“ im Verein bleiben sie übrigens nicht lange. Dieser Tage hat sich Klaus Eichhorn angemeldet. Er ist Schiedsrichter und wird künftig für den BSC pfeifen.

 

Sogar auf die in dieser Spielklasse nicht eben üppigen Zuschauerzahlen hat sich das Engagement der Neuzugänge ausgewirkt. Im Heimspiel des Teams am Sonntag gegen Iselersheim schauten einige Freunde von Michael und Marcus zu. Beim 7:2 des BSC bejubelten sie Büssenschütts ersten Treffer. Mit einem satten Schuss traf er zum 3:0. Sein Fazit nach dem Spiel: „Das war so ein geiles Gefühl, als der Ball im Netz landete!“

„Das ist der Idealfall“

 

„Genau so soll es eigentlich sein“, sagt Dietrich Neubauer, Geschäftsführer der Lebenshilfe Bremervörde/Zeven (Foto), zum Engagement des fußballbegeisterten Duos im BSC. So eine Integration sei der Idealfall. „Es gibt weitere Fälle, in denen das gut funktioniert. Zum Beispiel bei den Schützen in Breddorf oder Wilstedt.“ Viele unserer Mitarbeiter oder Bewohner unserer Wohnstätten treiben Sport in der ,Freizeit- und Rehasport-Vereinigung‘. Aber einem Verein gemeinsam mit nicht Behinderten ist es für beide Seiten eine tolle Sache. (alg)